Bevor junge Mauersegler das Nest verlassen, müssen sie meistens erst abspecken. Offenbar bereiten sie sich damit auf das Leben im Luftraum vor, denn schlanke Vögel sind wendiger und verbrauchen weniger Energie. Wenn der kleine Mauersegler flügge wird, muß sich der kleine Nesthocker von einem Augenblick zum anderen in einen behenden Flugkünstler verwandeln. Anders als viele andere Vögel kennen sie keine Übergangszeit, in der sie ihre Schwingen erproben und sich allmählich von ihren Eltern lösen. Auch als Anfänger durchstreifen sie wie die ausgewachsenen Tiere unermüdlich den Luftraum und sorgen selbst für Ihren Lebensunterhalt. Nach dem ersten Flügelschlag gibt es für die Mauersegler kein Zurück mehr ins Nest. Deshalb müssen sich die Jungen optimal darauf vorbereiten. Wohlgenährte Nestlinge, so beobachteten Forscher der Universität Oxford, sind merklich größer als ihre wenige gut versorgten Artgenossen und werden im Durchschnitt ein paar Tage früher flügge. Doch gleichgültig, ob sie beim Ausfliegen fast fünfzig Gramm wiegen oder nur dreißig, die Flächenbelastung der Flügel – das Verhältnis zwischen Körpergewicht und Flügelfläche – ist immer dasselbe („Animal Behaviour“, Bd 54, S. 99).

Selbst die besonders leichtgewichtigen Jungen nehmen in ihrer letzten Woche als Nestling einige Gramm ab. Durchschnittlich verringern sie ihr Körpergewicht um ein Viertel. Zum einen verliert ihr Gefieder einiges an Feuchtigkeit, zum anderen bauen sie ihre Fettvorräte ab. Dieser Babyspeck diente als Notreserve für regnerische Tage, wenn die Eltern meist wenig Insekten herbeischaffen können. Doch sobald ein junger Mauersegler den Luftraum erobert, kann er keine dicken Proviantpakete mitnehmen. Mit einer hohen Flächenbelastung könnte er zwar eine etwas höhere Geschwindigkeit erreichen, er würde beim Fliegen aber deutlich mehr Stoffwechselenergie verbrauchen als seine schlanken Artgenossen. Wie aber erkennen die Jungen, wenn sie die richtige Konstitution haben? Da für heftiges Flügelschlagen kein Platz ist, müssen die Nestlinge ihre Schwingen auf andere Weise erproben. Im Alter von etwa vier Wochen trainieren sie dazu eine Art Handstand. Sie drücken ihre Flügel gegen den Boden und versuchen dabei, Beine und Körper vom Untergrund abzuheben. Einige Tage später gelingt ihnen die Übung für ein bis zwei Sekunden. Im Alter von etwa sechs Wochen schließlich, kurz bevor der Mauersegler das Nest verläßt, können die Flügel den Körper schon mehr als zehn Sekunden lang tragen. Vermutlich prüfen die Nestlinge mit dieser aktrobatischen Übung, ob sie den Abflug riskieren können.

 

Der Falke 07/2006: J. Wright u.a., Proc. R. Soc. Biol. Sc.,:

Wie viel jeder einzelne Jungvogel abnimmt, hängt von seiner Körpergröße und der Fläche der Flügel ab. Im Endeffekt starten dann alle Mauersegler mit etwa der gleichen Belastung pro Quadratzentimeter Flügelfläche. Bereits seit längerer Zeit stallt man sich die Frage, wie Mauersegler entscheiden, wie viel sie abnehmen. Um dies zu beantworten, manipulierte man Gewicht und Flügelfläche einiger Nistlinge. Man klebte einigen Gewichte auf den Rücken und verkürzten bei anderen die Flügelspitzen. Knapp zwei Wochen später, kurz bevor die „Testvögel“ ihr Nest verließen, bestimmte man das Gewicht der so manipulierten Vögel und verglich es mit dem ihrer nicht veränderten Geschwister. Ergebnis: Um das zusätzliche Gewicht und die kleineren Flügel auszugleichen, hatten die beladenen und die beschnittenen Vögel deutlich mehr abgenommen als ihre Geschwister. Die Mauersegler können demnach ihr Gewicht ganz gezielt verändern und erreichen auf diese Weise immer das gleiche Verhältnis von Körpergewicht und Flügelfläche. Vermutlich ermitteln sie ihr Idealgewicht durch Flügelschläge und die im vorgehenden Abschnitt beschriebenen Liegestütze.

 

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